Frühlingsgefühle bei Minusgraden – Mein Auslandssemester in Nordosteuropa

Vor einer Woche war ich in Lappland. Ich fuhr mit Husky- und Rentierschlitten und fischte im Eis. Nach der Sauna sprang ich in einen halb zugefrorenen See und spazierte anschließend durch den Tiefschnee in einem Märchenwald. Ich bin zum ersten Mal Ski gefahren und habe – entgegen jeder Erwartung – mit eigenen Augen Nordlichter gesehen! Hätte mir jemand noch vor wenigen Monaten erzählt, dass ich in diesem Jahr all das in so kurzer Zeit erleben werde – ich hätte es nicht geglaubt. Mein Auslandssemester in Estland ist eine einzige Reise und Tallinn und das Baltikum eine super Voraussetzung dafür.

Wie die meisten Erasmus-StudentInnen kam ich ohne großes Vorwissen und ohne Erwartungen nach Tallinn. Die Entscheidung, ausgerechnet in Estland zu studieren, kam relativ spontan und unbegründet. Ich hatte vorher nie darüber nachgedacht, eine Reise ins Baltikum zu unternehmen, geschweige denn, für mehrere Monate dort zu leben. Doch das angebotene Fach an der Universität reizte mich sehr sowie die Vorstellung, keine Vorstellung von der Stadt zu haben. Ich wollte mich komplett überraschen lassen und ein mir unbekanntes Land ohne Erwartungen, aber auch ohne Vorurteile kennenlernen.

Da Russisch (zweite Amtssprache in Estland) ebenso meine Muttersprache ist, die Universität viele Erasmus-StudentInnen aufnimmt und genügend Kurse in Englisch anbietet, machte ich mir über Probleme in der Kommunikation keine Gedanken. Das Einzige, was mir wirklich erhebliche Sorgen bereitete, war das Wetter. Da ich noch nie ein Fan von Winter war und mir die wenigen kalten Tage in Deutschland bereits schwerfielen, fragte mich jeder, der mich kannte: Warum gehst du überhaupt nach Estland? Wie willst du das aushalten?

Ronja (links) und Olga (links) verbringen ein Auslandssemester in Tallinn (Estland)

Denn hier kann es im Winter schon bis zu -25 Grad werden (und im Sommer nur bis zu +20 Grad!). Allerdings war das ein weiterer Reiz, den ich dabei empfand: Mich nicht vom Wetter abhalten zu lassen, etwas Neues und Unsicheres zu wagen und einen RICHTIGEN Winter kennen und vielleicht sogar lieben zu lernen.

In den ersten Wochen kam ziemlich schnell die Umstellung zu Deutschland und ich gewöhnte mich daran, das Haus nie ohne Mütze, Handschuhe, Strumpfhose unter der Hose und mindestens drei Paar Socken zu verlassen. Temperaturen im zweistelligen Minusbereich wurden für mich schnell zum Alltag und als es tatsächlich bis in die -21 Grad ging (und ich zum ersten Mal Schmerzen im Gesicht empfand), fühlten sich die anschließenden Wochen mit -11 Grad im Vergleich dazu „warm“ und angenehm an. Ich konnte mich gar nicht mehr erinnern wie sich Plusgrade anfühlten und als die Temperatur wieder etwas anstieg, es zum ersten Mal seit meiner Ankunft „ganze“ -4 Grad hatte und sogar die Sonne schien, stellte ich fest, dass es möglich ist, bei Minusgraden Frühlingsgefühle zu empfinden.

Nun bin ich schon seit über zwei Monaten hier und in zwei Wochen ist Halbzeit meiner Reise. Alles in allem erlebte ich hier natürlich keinen großen Kulturschock. Estland ist ein sehr freundliches, ruhiges, sauberes und naturverbundenes Land und abgesehen von dem Wetter bemerke ich keine großen Unterschiede zu Deutschland. Estland gehört zur EU, somit änderte sich nicht einmal die Währung für mich. Allerdings veränderte sich die Art der Bezahlung, denn im E-Land Estland bezahlt man so gut wie überall mit Karte, unabhängig von dem Betrag, was ich als sehr praktisch empfinde und was mir in Deutschland definitiv fehlen wird. Hier muss ich allerdings anmerken, dass die Preise in Estland im Durchschnitt höher liegen als die in Deutschland.

Doch was erwartete ich vom Auslandssemester und wie stehe ich nun nach zwei Monaten dazu?

Auf Englisch zu studieren und in kurzer Zeit so leicht und schnell neue Leute aus der ganzen Welt kennenzulernen, war meine größte Motivation für das Auslandssemester. Aber Erasmus bedeutet nicht nur Studium und Party. Es ist die beste Möglichkeit, ein fremdes Land kennenzulernen und die gesamte Umgebung rund um das Land zu erkunden. So mache ich hier Erfahrungen, die ich sonst nicht für möglich gehalten hätte (siehe oben). Dieses Wochenende fahre ich nach Riga, in einer Woche nach Helsinki und in einem Monat nach St. Petersburg. Stockholm und Vilnius stehen auch noch auf der Liste für die restlichen Monate, genau wie die schönen Wälder und einige versteckte Ecken von Estland.

//Olga studiert im Masterstudiengang Kommunikations- und Medienwissenschaft an der Uni Leipzig. Im CampusSpezialisten-Blog berichtet sie über das Uni- und Studentenleben in Leipzig und gibt praktische Tipps.

Kommentare

Keine Kommentare vorhanden.