Germanistikstudium – wer traut sich?

„Was studierst du?“, will der Wirtschaftswissenschaftler bei der Ersti-Party in der Moritzbastei wissen. „Germanistik“ antworte ich. „Auf Lehramt?“ – Ich höre die Frage nicht zum ersten Mal, bleibe gelassen und erkläre, dass es sich dabei um mein Kernfach handelt. Mein Gegenüber setzt eine belehrende Miene auf und erklärt mir, in der Überzeugung, mir nun eine Lebensweisheit zu offenbaren: „Damit wirst du aber nie Arbeit finden. Und Geld verdienen erst recht nicht!“

Doreen Rothmann Absolventin der Universität Leipzig

So oder so ähnliche Situationen hat sicher schon jeder angehende Germanist erlebt. Mal wird einem geraten, vorsorglich den Taxischein zu beantragen, mal hinterfragt, ob ein Studium für die Arbeit in der Pommesbude nicht übertrieben sei.  Wie oft ich selbst in solchen Situationen war, wie oft ich bloß Zeuge geworden bin, kann ich nur deshalb nicht mehr exakt beziffern, weil ich seit meinem letzten Umzug die humorvoll geführte und über Jahre gepflegte Strichliste nicht mehr wiederfinde.

Sich für Germanistik zu entscheiden, bedeutet wie bei vielen anderen geisteswissenschaftlichen Studiengängen, dass du deinen Eltern und Großeltern immer wieder vergeblich versuchst zu erklären, dass sich dahinter kein bestimmter Beruf wie Lehrer, Jurist oder Mediziner verbirgt. 

Arm, aber glücklich

Ein Studienfach nur danach auszuwählen, wie viel Geld man damit verdienen kann oder wie groß die Karriere- und Aufstiegschancen sind, hat für mich einfach keinen Sinn ergeben. Selbstverständlich hätte ich auch einen sicheren Ausbildungsberuf oder einen Liquidität verheißenden Studiengang wählen können, aber wo wäre ich dabei geblieben? Wo meine Leidenschaft für die Literatur? Wo meine Kompetenz für das Interpretieren, Analysieren und Schreiben von Texten? – Beruflicher Erfolg bedeutet für mich (auch!) Selbstverwirklichung. Und das sollte der Schlüssel für die Wahl des Studiengangs sein.

Selbstverwirklichung hin oder her – diese Hippie-Einstellung allein genügt dann aber doch nicht, um das Geld für das gute Real Nature-Katzenfutter und den Wochenendtrip nach Prag aufzubringen. Tatsache ist: Viele Germanisten sind trotz zahlloser unter- oder nichtbezahlter Praktika arbeitslos, hangeln sich von der einen befristeten Stelle zur nächsten, nehmen Aushilfsjobs an oder werden am Ende doch noch Lehrer.

Der rote Faden

Entscheidend ist – zumindest nach meiner Erfahrung – sich frühzeitig zu spezialisieren. In der universitären Ausbildung bedeutet das, nachdem man im Bachelor die germanistischen Grundlagen der Literatur- und Sprachwissenschaft erlernt hat, eine Entscheidung zu treffen: Bin ich Sprachwissenschaftler und brenne für das Sprachsystem des Deutschen, Historische Grammatik, Lexikologie und Sprachliche Variation? Oder bin ich Literaturwissenschaftler und blühe in den Aspekten der Literaturtheorie und -forschung oder der Geschichte der neueren deutschsprachigen Literatur auf? Das Modulsystem der Universität Leipzig ermöglicht, neben einigen Pflichtmodulen, eine eigenständige Zusammensetzung. Auf diese Weise erlernt man die Übersetzung alt- und mittelhochdeutscher Texte ins Neuhochdeutsche, kann sich aber auch in der Darstellung des Tieres in den Geschichten von Wilhelm Busch vertiefen. Auch bei den Praktika sollte ein roter Faden, zum Beispiel durch aufeinander aufbauende Praktika in der Zielbranche, erkennbar sein und nicht wahllos eins nach dem anderen absolviert werden. Sich auszuprobieren ist aber auch nicht verkehrt, denn so kann man sicher sein, dass die Arbeit im Universitätsarchiv doch nicht so spannend ist, wie man sich das vorgestellt hatte.

Masterabschluss mit 1,2 und trotzdem ein Jahr Praktika

Kaum waren alle erforderlichen Leistungspunkte gesammelt und die Masterarbeit bewertet, musste ich das Nest der Alma Mater Lipsiensis verlassen. Vorbei waren die Zeiten in der allseits geliebten Albertina, wo man sich zur gemeinsamen Lektüre aktueller Forschungsbeiträge zum Vampirismus verabredete und in den selbst gewählten Pausen auf der Treppe in der Sonne flanierte. Stattdessen kämpfte nun jeder für sich, schrieb dutzende Bewerbungen und grämte sich still und heimlich zu Hause über jede Absage. Die einzige Möglichkeit, dem mit der Aussage „Ich bin Germanist“-überforderten Arbeitsamt und den damit einhergehenden Call-Center-Vermittlungsvorschlägen zu entkommen, sind Praktika. Nach sechs Monaten in der Redaktion eines Onlinemagazins für Gründer- und Start Up-Themen, bewarb ich mich für ein weiteres Praktikum, das mich meiner Liebe zur Literatur wieder näherbringen sollte.

Manchmal ist es Timing

Also schickte ich meine Bewerbungsunterlagen an die Leipziger Buchmesse, wurde eingeladen und eingestellt. (Tipp am Rande: Das Career Center der Uni Leipzig bietet hilfreiche Veranstaltungen zum Bewerbungstraining an – unbedingt nutzen!) Wie ich später erfuhr, war das ganze reiner Zufall: Die ursprünglich ausgesuchte Praktikantin hatte abgesagt, war schwanger oder anderweitig verhindert. So bekam ich die Möglichkeit als Leseratte, Liebhaberin aktueller (v.a. deutschsprachiger) Literatur sowie Buchmesse- und Leipzig-liest-Fan zu punkten: Seit Oktober 2014 bin ich für die Veranstaltungsplanung des Lesefestes „Leipzig liest“ – dem begleitenden Abendprogramm zur Leipziger Buchmesse in der Stadt Leipzig – verantwortlich. Die einzige Bedingung für den Auftrag: Freiberuflichkeit.

Jede Medaille hat zwei Seiten

Businessplan und Fördermittel, Steuerrecht und Buchhaltung – die Liste an Sorgen und Ängsten ist lang. Das Für und Wider der Selbstständigkeit und das Prozedere der Existenzgründung im Einzelnen darzulegen, noch länger. Kurz um: Als Freiberuflerin organisiere ich meinen Arbeitsalltag selbst, kann meine Ideen verwirklichen, muss mich nicht an die festen Strukturen eines Angestelltenverhältnisses anpassen und entscheide eigenständig, welche Projekte ich annehme. Doch diese Freiheiten haben ihren Preis: Unternehmerisches Risiko, Kundenakquise, Honorarverhandlung und Buchhaltung kommen aus (m)einer Hand.

Als Germanist zum beruflichen Erfolg

Nicht nur den Germanisten, sondern auch anderen sprach-, gesellschafts- und kulturwissenschaftlichen Studienabgängern wird eine unvermeidliche Perspektiv- und Arbeitslosigkeit prophezeit. Dies ist jedoch eine oberflächliche, um nicht zu sagen kurz gedachte Einschätzung: Neben dem Fachwissen verfügen Germanisten über Kreativität, Sprachkompetenz, Reflexionsfähigkeit, analytisches Denken, wissenschaftliches Arbeiten und wichtige Soft Skills, die branchenübergreifend gefragt sind. Weitere Kernkompetenzen, die der Germanist während des Studiums ausbildet, sind Organisations- und Zeitmanagement, denn mit der umfangreichen Lektüreliste geht ein enormer Aufwand von Textarbeit einher. Wer also noch Freizeit für ein Eis auf der Sachsenbrücke haben will, muss lernen, sich zu organisieren.

Die Schlüsselqualifikation heißt Anwendungskompetenz

Um den Einstieg in das Berufsleben zu meistern, gilt es nicht nur Praktika zu absolvieren, sondern die Anwendungskompetenz durch die Wahl des Zweitfaches (an der Leipziger Universität Wahlbereich) oder den Kernfachwechsel im Master zu steigern. So ist das Seminar über die Rhythmik und Spielweise der ghanaischen Fasstrommel zwar unterhaltsam und wird gern als Anekdote skurriler Wahlbereiche angebracht, reicht aber nicht, um die Personalchefin zu überzeugen. Deshalb entscheiden sich angehende Redakteure, Social-Media-Experten und Pressemitarbeiter besser für Kommunikations- und Medienwissenschaft – gern in Kombination mit Praktika beim MDR, Mephisto und Co. Kulturwissenschaft und Seminare im Projektmanagement qualifizieren für die Tätigkeit in Museen, als Kuratoren und Kulturmanager. Um in der Dramaturgie oder Presseabteilung von Theatern zu arbeiten, bietet sich die Theaterwissenschaft an. Selbstredend lässt sich das Prinzip auf weitere Berufsfelder wie das Buchhandel- und Verlagswesen übertragen. Germanisten arbeiten überall dort, wo viel kommuniziert wird und Informationsbeschaffung und -vermittlung stattfindet.

Germanistik: Es gibt ein Leben danach.

//Über die Autorin

  • Name: Doreen Rothmann
  • Geburtsjahrgang: 1988
  • Studiengang: Germanistik
  • Jahr der Immatrikulation: 2007
  • Jahr der Exmatrikulation: 2013

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