"Ich sehe mit den Ohren" - Der Unialltag aus der "Sicht" eines blinden Studenten

Mit Blindenführhund Sunny kann sich Sebastian selbstständig über den Campus am Augustusplatz bewegen. (Fotos: Swen Reichhold)
Foto: Swen Reichhold

Mit der Straßenbahn zur Uni fahren, Seminare und Vorlesungen besuchen, Literatur lesen und Prüfungen meistern. Dass das auch ohne Augenlicht geht, stellt der angehende Kulturwissenschaftler Sebastian Schulze täglich unter Beweis – mit viel Engagement, Geduld und Humor.

Durch die Ausstattung der Türschilder mit Braillezahlen finden blinde Menschen den richtigen Raum. (Fotos: Swen Reichhold)
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Ein sonniger Tag auf dem Campus Augustusplatz. Auf dem Weg zum Seminarraum trägt Sebastian Schulze eine schwarze Sonnenbrille, ein weißes Polohemd und einen dunklen Rucksack mit Laptop. Soweit nichts Ungewöhnliches. Wäre da nicht der schneeweiße Königspudel, der grazil und mit majestätischer Anmut an seiner Seite über den Campus läuft. „Sunny, such Treppe!“, kommandiert Sebastian und lässt sich von seinem Vierbeiner zum Ziel führen.

Seit seinem 27. Lebensjahr ist Sebastian völlig erblindet, womit er sich aber schon seit langer Zeit arrangieren kann. „Erst dachte ich, jetzt ist alles vorbei, alles, was ich bisher erlernt und gearbeitet habe. Aber mit der Zeit kann man sich an alles gewöhnen. Mein Augenarzt sagte damals zu mir: ‚Das Leben ist noch lang und schön‘, und er hat Recht.“
Mit Blindenhund Sunny, der es sich im Hörsaal – manchmal aus Platzmangel – am liebsten vor dem Rednerpult bequem macht, fällt Sebastian auf wie ein bunter Hund: „Sieht ja ein Blinder mit Krückstock, dass ich nicht sehen kann“, scherzt der 39-Jährige, als er von seinem Studienalltag berichtet. So selbstständig wie möglich zu leben und zu studieren, ist für Sebastian enorm wichtig. Ganz ohne Hilfe geht es natürlich nicht. Nachfragen, ob jemand die Folien an der Wand vorliest oder das Tafelbild kurz erklärt, gehören dazu. „Klar, man muss auch selber den Mund aufmachen, wenn man Hilfe braucht, aber generell sind meine Dozenten und Kommilitonen super hilfsbereit und begegnen mir mit Empathie.“

Sebastian, Maria und Sunny auf dem Weg zum PC Pool im Seminargebäude
Foto: Swen Reichhold

„Aus der Not eine Tugend machen“ lautet die Devise, wenn es um die beruflichen Zukunftspläne nach dem Studium geht. Am liebsten möchte Sebastian zum Fernsehen, da ihn die Audiodeskription (Bildbeschreibung) von Filmen im Fernsehen begeistert.

An der Universität Leipzig studieren mehrere hundert Menschen mit einer Behinderung oder chronischer Erkrankung, drei davon sind blind. Die genaue Zahl ist schwierig zu nennen, da sich nicht jeder melden muss, wenn er oder sie auch ohne Hilfe zurechtkommt. Unterstützung bekommen Betroffene an vielen Stellen, eine davon ist das Studentenwerk. Dort absolvierte Maria Leypold kürzlich ihr Freiwilliges Soziales Jahr. Sie hilft den Studierenden zum Beispiel beim Ausfüllen von Formularen, bei der Prüfungsanmeldung auf der Onlineplattform „Moodle“ oder beim Digitalisieren von Literatur. Aus eigener Erfahrung weiß sie genau, welche Stolpersteine blinden und mobilitätsbeeinträchtigten Studierenden auf dem Campus begegnen. „Die Blindenleitsysteme oder die Aufmerksamkeitsfelder sind sicherlich noch ausbaufähig, zum Beispiel in Instituten wie dem Geisteswissenschaftlichen Zentrum. Die Bibliothek in der Beethovenstraße ist für Blinde wie ein Berg, der ohne Unterstützung durch Dritte kaum zu erklimmen ist.“ Insgesamt sei die Universität jedoch schon sehr weit in Sachen Barrierefreiheit, die wichtig für die Orientierung und Selbstständigkeit der betroffenen Studierenden ist. „Klar, es ist nicht alles perfekt, aber der PC-Pool für Sehgeschädigte zum Beispiel ist ein prima Angebot.“

Die Leitliniensysteme ermöglichen es, sich mittels eines Langstocks im Hörsaalgebäude zu orientieren.
Foto: Sven Reichhold

Das Rechenzentrum bietet einen Computerraum im Seminargebäude an, der von einem blinden Studenten selbst ins Leben gerufen wurde. Im PC-Pool befindet sich auch ein Computer, der mit einem Screenreader und einer Braillezeile, welche den Bildschirmtext in Punktschrift übersetzt, ausgestattet ist. Damit die Bildschirminhalte richtig ausgelesen werden, ist es wichtig, dass die Texte und Folien barrierefrei, also digital aufbereitet sind. Diese Arbeit leisten studentische Hilfskräfte. Bei sehr bildlastigen Inhalten wird es schwieriger, da Grafiken und Diagramme verbalisiert werden müssen.

Grundsätzlich bestehen die Buchstaben der Blindenschrift aus maximal sechs Punkten, die in jeweiliger Kombination ein entsprechendes Zeichen bilden.
Foto: Swen Reichhold

Zum Lernen, Hören und Schreiben gebraucht Sebastian meistens seinen eigenen Laptop. Der ist mit einer speziellen Sprachsoftware für Blinde ausgerüstet, die ihm digitalisierte Texte, Folien und Handouts vorliest. „Ein Ohr gehört dem Professor, das andere der romantischen Blecheimerstimme meines Sprachprogramms. Ohne die wäre ich echt aufgeschmissen“, erklärt Sebastian. „Ich sehe ja quasi mit den Ohren.“  Und weil das so ist, muss bei Prüfungen auch mal improvisiert werden. Referate werden frei aus dem Kopf gehalten, ein Diktiergerät hilft dabei, sich das Gelernte zu merken. Und Klausuren? „Ich beantrage immer mündliche Prüfungen“, berichtet Sebastian. „Ab und zu gibt es auch mal Nachhilfe von Kommilitonen oder Dozenten. Das bringt Licht ins Dunkel.“

Zurzeit spart Sebastian auf ein Update einer neuen Screenreaderstimme, die ihm das Zuhören angenehmer machen soll. Die Kosten dafür sind jedoch ziemlich hoch und müssen selbst getragen werden. „Sowas wünscht man sich dann mal zu Weihnachten.“

//Simone Schmid

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