„Ich weiß, wofür ich das alles mache“

Studieren mit Kind (Nadine Herrmann)

Als ich mit unserem ersten Kind schwanger wurde, war ich 23 Jahre alt und im 3. Semester. Es war ein Wunschkind! Doch schon bald kamen sich Schwangerschaft und Studium in die Quere: Aus gesundheitlichen Gründen musste ich mein Studium nach kurzer Zeit einstellen und mich beurlauben lassen. Das bedeutete auch, dass ich nach drei Monaten kein BaföG mehr erhielt. Zum Glück unterstützte mich meine Familie finanziell. Das erste Jahr nach der Geburt blieb ich ganz bewusst mit meinem Baby zu Hause und genoss diese Zeit.

Nach fast zwei Jahren Auszeit wollte ich mein Studium fortsetzen, meine Tochter hatte nun einen Krippenplatz. Der Wiedereinstieg gestaltete sich jedoch schwieriger als erwartet. Meine Kommilitonen waren mir fremd und ans Studieren musste ich mich erst einmal wieder gewöhnen. Da meine Tochter anfangs sehr oft krank war, musste ich häufig zu Hause bleiben. So schaffte ich es einfach nicht, die vielen Hausarbeiten zu schreiben. Alles sah ziemlich aussichtslos aus.

Große Unterstützung erhielt ich beim Studienbüro meiner Fakultät. Im Beratungsgespräch wurde mir klar: Ich muss ein neues Zeitmanagement entwickeln, wenn ich das Studium auch mit Kind bewältigen will. Im Semester konzentrierte ich mich jetzt auf ganz bestimmte Klausuren und in der vorlesungsfreien Zeit auf Hausarbeiten. Ich lernte außerdem, Aufgaben abzugeben. Meine Tochter ging von 8 bis 17 Uhr in die Kita. Diese Zeit nutzte ich intensiv für das Studium, denn abends war an Lernen nicht zu denken. In den Klausurphasen musste mir mein Partner unsere Kleine auch mal ein paar Stunden mehr abnehmen, damit ich lernen konnte.

Vier Jahre nach meiner ersten Schwangerschaft lief bei unserem zweiten Kind vieles besser. Ich besuchte gleich nach dem Mutterschutz wieder die wichtigsten Lehrveranstaltungen. Meinen Sohn konnte ich bald stundenweise im „Kinderladen“ des Studentenwerks Leipzig direkt auf dem Campus betreuen lassen: Dort war mein Sohn in guten Händen, während ich in der Vorlesung saß, und doch war ich ganz in seiner Nähe.

Mein Studentenleben ist völlig anders als das meiner Kommilitonen. Die Zeit, die ich für die Uni zur Verfügung habe, ist auf acht Stunden am Tag begrenzt und genau getaktet. Auf Partys oder in Discos gehe ich schon lange nicht mehr. Meine Freizeit verbringe ich ausschließlich mit meinen Kindern und meiner Familie. Ich habe schon eine Ewigkeit nicht länger als zwei Stunden am Stück geschlafen, worunter natürlich die allgemeine Leistungs- und Konzentrationsfähigkeit leidet. So schön es ist, Kinder zu haben, mit dem Schlafmangel muss man eine ganze Weile leben!

Jetzt bin ich im 11. Semester und plane, in zwei Jahren mein 1. Staatsexamen zu schreiben. Es folgen zwei Jahre Referendariat und das 2. Staatsexamen – ich habe also noch die Hälfte des Weges vor mir. Dass mein Studium so lange dauert, ist für mich in Ordnung, da mir Familie wichtiger ist als Karriere. Nach meinen Erfahrungen weiß ich heute, dass es wahrscheinlich einfacher gewesen wäre, bis zum 1. Staatsexamen oder bis nach dem Berufseinstieg mit dem Mutterwerden zu warten – um den Preis, dass mein Kinderwunsch viele Jahre lang unerfüllt geblieben wäre. Ich weiß aber, dass es für mich die beste Entscheidung war. Ich bin an ihr gewachsen und sie hat mich erfüllt. Mir hat vor der Geburt meiner Tochter etwas gefehlt und mit meinem Sohn ist es nun vollkommen. Ich weiß auf jeden Fall, wofür ich das alles mache.

//Nadine (29) studiert an der Uni Leipzig und hat während des Studiums zwei Kinder bekommen. Ihren Alltag dokumentiert sie auf ihrem Instagram-Account @schnatterinchen_bienchen unter dem Hashtag #studentenmama.

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