Student spielen: Mein Tag der offenen Hochschultür

Helene geht in die 10. Klasse eines Leipziger Gymnasiums. In ihrem Gastblogbeitrag berichtet sie von ihren Erlebnissen beim diesjährigen Tag der offenen Tür an der Uni Leipzig ...

Ganze 90 Minuten mehr Schlaf als sonst

Mein Tag beginnt um 07.30 Uhr. Ganze 90 Minuten mehr Schlaf und ich habe das Gefühl, Bäume ausreißen zu können. Wem ich die Extraportion Erholung verdanke? Dem Tag der offenen Hochschultür an der Universität Leipzig. Am 15. Januar können alle Studieninteressierten Studenten spielen und den Unibetrieb kennenlernen.

Psychologievorlesung statt Ethikunterricht

Normalerweise hätte ich jetzt Ethik. Stattdessen laufe ich gut gelaunt mit einem Zettel durch die Stadt, auf dem ich mir alle Veranstaltungen markiert habe, die mich interessieren.

Als ich mich auf dem Weg zur Psychologievorlesung mache, stehe ich vor einer Herausforderung:  Gestern recherchiert steht da: Städtisches Kaufhaus, Eingang D. Das städtische Kaufhaus zu finden war leicht. Aber wo ist jetzt Eingang D? Gemeinsam mit anderen Verwirrten finde ich zunächst nur die Eingänge A-C, und sogar F. Aber einfach kein D. Erst ein hinzugekommener Student kann uns helfen.

Überraschung: Anders als ich vermutet habe, ist der Raum nicht bis zum Bersten gefüllt. Der Numerus clausus von 1,1 im Wintersemester 2014/15 muss wohl andere Gründe haben. Als der Professor anfängt, über Arbeits-und Organisationspsychologie zu sprechen, merke ich langsam, dass es nicht stimmt, was man Schülern erzählt: Studium ist doch genauso wie Schule. Die Hälfte kommt zu spät oder zockt Candy Crush auf dem Handy, es gibt genauso Clowns, Streber oder den, der immer unnötige Fragen stellt. Der einzige Unterschied: Den Professor interessiert das herzlich wenig. Auch als einige Schüler nach der Hälfte gehen, lässt er sich nicht aus der Ruhe bringen. Von dieser Lässigkeit könnten sich einige Lehrer etwas abschauen.

Eineinhalb Stunden später kenne ich Merkmale von Organisationen und Vor- und Nachteile des bürokratischen Systems. Kurz erwäge ich tatsächlich, Psychologie zu studieren. Was mich aber abhält, ist der Gedanke an Biopsychologie.

Ein überfülltes Foyer und allgemeine Orientierungslosigkeit

Also auf zum nächsten Seminar. Weil ich noch ein wenig Zeit habe, begebe ich mich in das Foyer der Uni. Ein Fehler! Denn: Ich bin bei Weitem nicht die Einzige. Ich flüchte also vor Bafög-Informationsständ und Radio Mephisto 97.6 ab nach draußen. Hier sieht man sofort, wer „echter“ Student ist: Die, die wissen, wo's langgeht. Der Rest, also die Schüler, läuft meist orientierungslos und etwas verängstigt über den Campus.

Bei den Philosophen – Was ist ein Subjekt?

Ich allerdings begebe mich zum nächsten Programmpunkt: Grüne Haare, Haremshosen und ein Professor, der zehn Minuten zu spät kommt. Das nächste Seminar besuche ich in Philosophie. Zugegebenermaßen ziehe ich so ein Studium nicht ernsthaft in Betracht, bin aber neugierig, was Philosophen so machen. Nachdem ich mich von der Klischeekeule erholt habe, erfahre ich Interessantes über den Subjektbegriff bei Leibniz. Dass ich die Hälfte nicht verstehe, bekräftigt meine Überzeugung.

Pause!

Jetzt brauche ich erstmal eine Pause. Immerhin ist es schon 12.30 Uhr! Ich gehe essen, und zwar typisch studentisch: ungesund. Mit Apfelkuchen zum Mittag kann man einfach nichts falsch machen!

Bürgerliches Recht bei den Juristen - der Hörsaal platzt aus allen Nähten

Danach fühle ich mich bereit für den Hauptgrund meines Besuchs: eine Vorlesung zu bürgerlichem Recht. Und wieder werde ich überrascht. Im Hörsaal für das angeblich so trockene Jura müssen sogar einige stehen. Viele Studenten hier scheinen gar nicht zu wissen, was los ist, die, die es wissen, wirken sehr genervt. Auch hier treffe ich wieder auf viele Schüler, die offensichtlich sehr begeistert sind, mal aus der Schule rauszukommen. Einige haben auch ihre Eltern und Großeltern mitgebracht. Während sich ein paar lieber untereinander unterhalten, statt dem Professor zuzuhören, schreiben andere Textnachrichten an ihre Freunde. Da verstehe ich die Abneigung der „echten“ Studenten. Diese tragen, anders als nach dem Philosophie-Seminar erwartet, keine Polohemden oder Blazer.

Wie schon den ganzen Tag werden wir Gäste freundlich begrüßt und gleich mit dem Fach vertraut gemacht: Als der Professor bittet, die Bürgerlichen Gesetzbücher zu öffnen, erklärt er uns, Jura bestehe nicht darin, Dinge auswendig zu lernen, sondern zu lernen, wo sie stünden. Daraufhin großes Gelächter von den angehenden Juristen. Außerdem bekommen wir eine Einführung in die wichtigste Praktik als Unimitglied: andere Studiengänge fertigzumachen. Als Reaktion auf den Widerspruch seiner Studenten gibt der Professor zu, es gäbe dann doch deutlich „freizeitbetontere“ Studiengänge. Ergo: alle anderen. Den Rest der Zeit beschäftigen wir uns aber doch noch mit Schuldner- oder Gläubigerverzug und Fallbeispielen vom Verkäufer A, der einen Schrank loswerden will, Käufer B und Brandstifter X.

Zurück ins Schülerleben

Während der Vorlesung merke ich, dass selbst wenn das Studium extrem arbeitsintensiv sein soll, mich Jura eindeutig begeistert hat.

Doch damit muss ich noch warten: Leider habe ich noch zwei Jahre Schule vor mir. Deshalb mache mich um 15.00 Uhr schließlich wieder auf den Weg nach Hause, um mich mit Chemie-Hausaufgaben rumzuärgern. Zumindest sind die auch nicht freizeitbetont.

// Helene

Kommentare

Keine Kommentare vorhanden.