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Ethnologie

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Bachelor of Arts (B.A.)

Foto Carina Pesch

Carina Pesch

1. Können Sie sich noch an Ihre ersten Studientage erinnern – wie war Ihr erster Eindruck von der Universität Leipzig?

Während alle panisch versuchten herauszufinden, wie man richtig studiert, wie man in überfüllten Germanistikveranstaltungen Platz findet und welche Dinge zu beachten seien, freute ich mich auf einen Ort, an dem ich Wissen sammeln konnte und genügend Freiraum für eigene Interpretationen hatte. Erster Eindruck: Chaos, das ein gelassener und wacher Geist gut beherrschen kann und sollte.

2. Wenn Sie zurückblicken, wie würden Sie Ihr Studium kurz beschreiben?

Eine lehrreiche, eindrucksvolle Zeit mit genügend Freiraum für eigene Forschungen, Reisen, Lebenserfahrungen, Freundschaften, genauso wie für spannende Vorträge und Veranstaltungen, lange Bibliotheksnächte, Lern- und Schreibphasen. Eine Zeit, in der man Lehrmeister nicht nur in Dozenten findet, sondern an jeder Ecke trifft, wenn man aufmerksam genug ist.

3. Haben Sie jemals an Ihrer Studienwahl gezweifelt? Wenn ja, wie sind Sie damit umgegangen?

Ich kam nach Leipzig, weil ich Journalistin werden wollte und das konnte man hier studieren. Ich trat zur Eignungsprüfung an, fiel durch, doch die Stadt gefiel mir so gut, dass ich dennoch her zog. Ich schrieb mich im Nebenfach Journalistik ein, was zulassungsfrei war, ging 3 Mal hin. Während dieser 3 Mal fragte ich mich 300 Mal was all die Theorie bringen soll. Also ging ich nicht mehr hin, fand nach einer Weile das Fach Ethnologie. Hier regionales Fachwissen, teilnehmende Beobachtung und emische Perspektiven zu erlernen, fand ich wichtig. Ich habe nicht wirklich gezweifelt, sondern einfach festgestellt, was ich für sinnvoll und weniger sinnvoll halte.

4. Welche Motivationen haben Ihre Studien- bzw. Berufswahl bestimmt?

Als ich mit 16 ein Jahr in den USA war, telefonierte ich mit meiner Mutter. Sie fragte, ob ich wisse, was ich mal machen möchte. Ich sagte: Keine Ahnung. Sie fragte, was ich gut könne und was ich möge. Ich sagte: Schreiben, Reisen und Biologie. Wie wär's mit Wissenschaftsjournalismus, schlug sie vor. Ich sagte: Hört sich gut an. Das Schreiben, Reisen und der Journalismus blieben. Die Biologie wurde durch Gesellschaftsbeobachtungen ersetzt. Warum? Das weiß niemand so genau, ist auch nicht so wichtig. Die Hauptsache ist, dass es sich gut anfühlt, zu einem passt und Freude bringt. Und das ist die beste Motivation. Vielleicht.

5. Was waren wichtige Stationen auf Ihrem beruflichen Weg?

Ich habe mir immer etwas ausgedacht, was ich als nächstes machen möchte, habe mich irgendwo beworben und beim Bewerben gemerkt: ups, da fehlt ja noch was. Dann habe ich die Qualifikation trotzdem in die Bewerbung geschrieben und gedacht: Naja, jetzt muss ich das wohl auch machen. So kam ich dann zum studentischen Lokalradio mephisto 97.6, nachdem ich mich für ein Praktikum beim Deutschlandradio beworben hatte. So baute ich dann eine Wirtschaftsredaktion bei mephisto auf, nachdem ich mich für ein Praktikum beim Wirtschaftsmagazin brandeins beworben hatte. Meine Reisen, Feldforschungen und Gespräche darüber in Herrn Bohrmanns Büro waren auch wichtige Stationen, genauso wie die Abschlussprüfungen in Ethnologie. Ich wollte die Zeit nutzen, mir ein letztes Mal große Mengen Fachwissen einzuverleiben, anstatt nur zu versuchen, die Prüfungen zu bestehen. Aber die vielleicht wichtigste Station ist, gerade meinen eigenen Weg im freien Journalismus zu finden, mich nicht durch kurzlebige Beiträge für irgendwelche Redaktionen über Wasser zu halten, sondern in für mich wichtigen und künstlerisch durchdachten Hörstücken meinen eigenen Stil zu finden. Dabei wiederum helfen erfahrene Autoren wie Michael Lissek, Petschinka und Walter Filz.

6. Wie sehr hat Ihr Studium Ihre jetzige berufliche Tätigkeit geprägt? Gibt es einen Zusammenhang zwischen Ihrem Studium und Ihrer Tätigkeit? Können Sie noch Dinge aus Ihrem Studium nutzen?

Vor allem mein Hauptfach Ethnologie hat meinen Beruf sehr stark geprägt. Oder: In der Ethnologie habe ich eine Herangehensweise gefunden, die meiner Herangehensweise, meiner Überzeugung nah kommt. Der Überzeugung, dass es wichtig ist, Menschen zuzuhören, sie zu Wort kommen zu lassen und ihre Sichtweisen zu zeigen, ohne gleich zu bewerten. Die Ethnologen-Ausbildung prägt meine Arbeit sowohl thematisch als auch methodisch. Ich arbeite immer noch gerne zu den regionalen Schwerpunkten Naher & Mittlerer Osten sowie Lateinamerika oder beschäftige mich mit der Spezies Ethnologe. Gleichzeitig sind meine Hörstücke voller teilnehmender Beobachtung und Eigenbeschreibungen sowie Erzählungen der Protagonisten. Es geht mir meist darum, Sachverhalte oder Menschen von innen heraus zu verstehen, mich ihnen anzunähern und nicht nur aus einer wissenschaftlichen Distanz von oben herab zu betrachten.

7. Wie sieht ein typischer Arbeitstag in Ihrer jetzigen Position aus?

Es gibt keinen typischen Arbeitstag. Freie Zeiteinteilung. Volle Eigenverantwortung. Lange Projektlaufzeiten. Selbst Disziplin aufbringen. Oder auch nicht. Es gibt Recherchephasen, in denen ich Ideen entwickle, sie den Redaktionen anbiete, unterwegs bin, vielen verschiedenen Menschen begegne. Dann gibt es eine anstrengende Phase mit Transkribieren der wichtigen Interviewpassagen. Und zum wohltuenden Ende eines Projektes belohnt die kreative Phase mit einem hoffentlich gelungenen Manuskript, das auch dem Redakteur gefällt, und nach der Produktion mit einem erholsamen Hörvergnügen. Irgendwo dazwischen betreue ich auf Honorarbasis süd- und osteuropäische Schüler- und Lehrergruppen, die nach Leipzig kommen um sich weiterzubilden und interkulturell auszutauschen.

8. Was sind die wichtigsten drei Kompetenzen in Ihrem Arbeitsalltag?

Gelassenheit, neugierig und offen Einlassen auf Menschen und später auf das gesammelte Material, Improvisation

9. Wie gelingt Ihrer Meinung nach ein guter Berufseinstieg in Ihrer Branche (Einstiegswege, Bewerbungstipps, etc.)?

Wissen, was man in der Branche will, was einem wichtig ist, sich nicht beirren lassen, seinen eigenen Weg, Stil und Blickwinkel finden und dann mit Freude und Enthusiasmus diesen Weg gehen. Ich fand es im Journalismus immer besonders wichtig, sich in einem Studium tiefgründiges Fachwissen anzueignen. Denn gerade im Tagesjournalismus ist nicht viel Zeit dazu und es wird zu viel zu einseitig, zu oberflächlich und zu voreingenommen berichtet. Ich glaube, das geschieht ganz automatisch, wenn zu wenig Zeit für die Recherche bleibt und zu wenig Basiswissen vorhanden ist. Das Handwerkszeug hingegen lernt sich ohnehin besser in der Praxis als in der Theorie, also in freier Mitarbeit und in Praktika.

10. Was würden Sie den heutigen Studienanfänger/innen mit auf den Weg geben?

Nicht so sehr gucken, was die anderen tun, was erwartet wird und was der Arbeitsmarkt verlangt, sondern herausfinden, was einen wirklich selber interessiert, begeistert, bewegt. Das dann auskosten, erfahren, entdecken und gucken wie es seinen Platz auf dem Arbeitsmarkt findet. Nicht sich selbst verkaufen auf dem Markt, sondern ein tolles Produkt, von dem man selbst überzeugt ist, unter die Leute bringen. Diese Begeisterung für das, was man tut, ist wohl das überzeugendste Argument beim Verkauf von Waren, Dienstleistungen oder der eigenen Arbeitsleistung für einen Auftrag- bzw. Arbeitgeber.

Persönliche Angaben

  • Name, Vorname: Pesch, Carina
  • Geburtsjahrgang: 1983
  • Studiengang: Magister Ethnologie, Politikwissenschaft, Philosophie
  • Jahr der Immatrikulation: 2003
  • Jahr der Exmatrikulation: 2014
  • Heutiger Arbeitgeber/Position: freie Autorin & Produzentin für Printmedien und die öffentlich-rechtlichen Hörfunkanstalten


Interview Stand April 2014

// Hinweis: Die Studienabschlüsse unserer Absolventinnen und Absolventen können von den heutigen abweichen. Mehr Informationen zu den aktuellen Möglichkeiten findest du hier.