Zum richtigen Studium fand unsere Studienbotschafterin Leni über einen für sie sehr wertvollen Umweg. Der führte sie vom Freiwilligenjahr im Ausland über einen Studienfachwechsel schließlich zu ihrem Wunschfach: Sonderpädagogik.

Mein Weg zur Sonderpädagogik war ganz schön holprig. Ich fühle mich dafür aber jetzt richtig angekommen.

Studienbotschafterin Leni, Lehramt Sonderpädagogik
Studienbotschafterin Leni hockt neben einem Fahrrad auf dem Campus, Foto: Christian Hüller
Studienbotschafterin Leni, Foto: Christian Hüller

Mein Steckbrief

Mein Weg zum Studium

Nach dem Abi habe ich ein sogenanntes ‚weltwärts‘-Jahr in Kambodscha verbracht (‚weltwärts‘ ist der entwicklungspolitische Freiwilligendienst des deutschen Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung). Das habe ich vor allem deshalb gemacht, weil ich andere Orte auf der Welt kennenlernen wollte. Nach dem Jahr war ich allerdings noch immer recht unschlüssig, wie es weitergehen soll. Aus dem Ausland habe ich mich zunächst für eine Tischler:innenlehre beworben. Das hat aus der Distanz nicht geklappt. Der Aufenthalt in Kambodscha hat mich dazu gebracht, mich für Kulturwissenschaften zu bewerben. Das habe ich aber nur zwei Semester studiert. Irgendwie wurde mir nicht recht klar, wo mich das hinführen sollte. Ich sah keine Perspektiven für mich. Das brauche ich aber, um mich zu motivieren. Die Inhalte fand ich zwar spannend, die Kommiliton:innen auch super, aber irgendwie … . Dann bin ich erstmal in ein Loch gefallen. Corona tat das übrige. Ich habe den Laptop irgendwann einfach nicht mehr geöffnet. Nach zwei, drei Wochen, mitten im Lockdown, habe ich mich auf Ferienfreizeiten mit Pflegekindern beworben und ehrenamtlich in einem Weltladen zu arbeiten begonnen. Kurzzeitig habe ich mit dem Gedanken gespielt ‚Global Environmental Sustainability Studies‘ zu studieren. Weil ich aber unbedingt in Leipzig bleiben wollte, bin ich dann letztlich bei der Sonderpädagogik gelandet. Dass es das gibt, habe ich erst kurz zuvor von einem Kumpel erfahren. Der Weg zu meinem Studienfach war also ganz schön holprig. Ich fühle mich dafür aber jetzt richtig angekommen.

Meine Entscheidung für Sonderpädagogik

Mir ist es wichtig, dass mich mein Studium dazu befähigt (m)einen Beitrag dazu zu leisten, dass alle Kinder und Jugendlichen an unserer Gesellschaft teilhaben können; und zwar unabhängig von (oder besser gesagt: mit Rücksicht auf) deren individuellen Unterstützungsbedarf.

Da Sonderpädagogik mit einem frei wählbaren Unterrichtsfach kombiniert wird, kann ich außerdem in perfekter Weise meine Interessen und Fähigkeiten unter- bzw. einbringen. Meinen Spaß am handwerklichen Arbeiten decke ich etwa durch das Unterrichtsfach ‚WTH/S‘ ab (ich hatte ursprünglich ja überlegt, eine Tischler:innenlehre zu machen). Außerdem hatte ich lange das Dilemma, ob ich eher in eine naturwissenschaftliche oder eher soziale Richtung gehe. Mit Sonderpädagogik bekomme ich alles unter einen Hut, weil es viele Disziplinen in sich vereint: von der Pädagogik, Erziehungswissenschaften über (Entwicklungs-)Psychologie bis zur Ernährungswissenschaft.

Meine Entscheidung für Leipzig

Ich komme ursprünglich aus Göttingen. Deshalb wäre es theoretisch eine Option gewesen, dort zu studieren. In Leipzig lebten aber damals schon viele Leute, an denen ich sehr hänge. Deswegen wollte ich unbedingt hierher. Außerdem hat Leipzig für mich die perfekte Größe: ziemlich groß und vielfältig, aber nicht überwältigend. Hier gibt’s gute Ideen, spannende Ladenprojekte, ein freshes Nachtleben, sehr aktive politische Gruppierungen und eine lebendige Technoszene. Sonderpädagogik gibt es als Studium in Sachsen übrigens nur hier in Leipzig.

Sonderpädagogik – das ist für mich

Sonderpädagogik zu studieren heißt für mich zum einen, dass ich mich tiefgreifend mit Themen wie Chancengerechtigkeit, Vielfalt und Teilhabe beschäftige, um in der Arbeit mit Kindern und Jugendlichen ein Profi zu werden und mich für sie einsetzen zu können; zum anderen bedeutet es, für mich ganz persönlich, Anregungen zu bekommen, die mich in eine kritische Distanz zu mir selbst bringen, was wiederum dazu führt, dass ich mich reflektiere und weiterentwickle.

Am spannendsten fand ich bisher

Richtig schön fand ich die Einführungsvorlesung in den Förderschwerpunkt ‚emotionale und soziale Entwicklung‘ (ESE), da die Professorin trotz der erschwerten Bedingungen (damals war die digitale Lehre ‚neu‘) eine solche Wärme ausgestrahlt hat. Vermutlich habe ich auch deshalb viel bei ihr gelernt. Dazu gehörte ein Seminar über Erscheinungsformen der emotionalen und sozialen Entwicklung, in dem es um AD(H)S, selbstverletztendes Verhalten, Ängste, Bindung, Trauma, Sucht und Aggression u.v.m. ging. Das war sowohl spannend als auch belastend. Denn mir wurde im Grunde da erst das volle Spektrum dessen klar, womit ich später zu tun haben könnte – und die Verantwortung, die ich einmal tragen werde.

Was mir derzeit richtig Spaß macht, sind die Übungen in der Lehrküche. Da geht es zunächst um grundlegende Koch-Skills, aber auch um ernährungsphysiologische Facts: Welche Vitamine sind wo drin? Welche Fette gibt es? Das zu wissen ist beispielsweise wichtig für die Adipositas-Prävention. Dass ich in der Küche bin, liegt übrigens daran, dass Sonderpädagogik mit einem Unterrichtsfach kombiniert wird. Ich habe mich für WTH/S (Wirtschaft-Technik-Haushalt/Soziales) entschieden.

So hat sich mein Bild von Sonderpädagogik geändert

Rangegangen bin ich mit der Erwartung zu lernen, wie ich Kindern begegne, die sich in schwierigen Lebenssituationen befinden. Ich hatte also kein konkretes Bild vom Fach ‚Sonderpädagogik‘. Als ich noch von außen drauf geschaut habe, war es eher, als würde ich auf ein Buchcover schauen. Erst als ich eingestiegen bin, mich gewissermaßen eingelesen habe, habe ich verstanden, wie hochgradig komplex das Fach ist. Inzwischen habe ich mich mit sehr tiefgreifenden Themen, wie z.B. Abtreibung, beschäftigt: Wo fängt das Leben an? Welches Leben ist lebenswert? Und: Wer entscheidet darüber?

Voraussetzungen, die ich erfüllt habe

Es gibt einen NC. Der ist allerdings von Förderschwerpunkt zu Förderschwerpunkt unterschiedlich und zudem abhängig vom gewählten Unterrichtsfach. Deswegen, mein Tipp, immer auf mehrere Schwerpunkte und Unterrichtsfächer bewerben. Zudem musste ich ein phoniatrisches Gutachten von einer HNO-Fachärztin vorweisen. Das bestätigt, dass ich die stimmlich-sprecherischen Voraussetzungen für den Lehrerinnenberuf erfülle. Und ich musste ein vierwöchiges Sozialpraktikum und ein zweiwöchiges Betriebspraktikum nachweisen. Letzteres war jedoch nur nötig, weil ich als Unterrichtsfach ‚WTH/S‘ (Wirtschaft-Technik-Haushalt/Soziales) gewählt habe. Soweit zu den formalen Zulassungsbeschränkungen.

Ich persönlich fand es sehr bereichernd, ein Jahr im Ausland bei einem sozialen Projekt mitgearbeitet zu haben. Daher würde ich jeder:m empfehlen über das vierwöchige Praktikum hinaus, ein FSJ oder sowas ähnliches zu machen. Als Studierende profitiere ich enorm von den Erfahrungen, die ich im sozialen Bereich machen konnte. Zudem bin ich, von der Persönlichkeit her, relativ geduldig. Da ich mit Kindern und Jugendlichen in verschiedensten Lebenssituationen arbeiten werde, ist das sicherlich sehr wichtig. Ich würde auch sagen, dass meine Grundhaltung, nämlich an Vielfalt, Gleichwertigkeit und Chancengerechtigkeit interessiert zu sein, eine Voraussetzung darstellt. Kritikfähig, reflexionsbereit und empathisch zu sein, finde ich auch grundlegend. Da ich ja als Lehrerin arbeiten möchte, ist es auch hilfreich, dass ich keine Scheu habe, (größere) Gruppen anzuleiten.

So wohne ich

Ich wohne in einer sehr familiären 6er-WG in einer kaum sanierten Altbauwohnung, die recht günstig ist.

So finanziere ich mich

Aktuell sieht es bei mir in Sachen Geld so aus: Ich beziehe einen Teil BAföG, bekomme einen weiteren Teil von meinen Eltern und habe zudem noch einen Nebenjob als studentische Hilfskraft.

So hat sich mein Alltag durch das Studium verändert

Ich kann mir das frühe Aufstehen inzwischen kaum noch vorstellen. Ich stehe eigentlich nie vor 8 Uhr auf. Und: Ich muss mich selbst ziemlich an die Leine nehmen, also mein Leben komplett alleine organisieren. Das fängt ganz banal beim Einkaufen und Haushalt an, führt über so Themen wie ‚Finanzierung‘ und reicht bis zur Frage ‚Wie bleibe ich im Studium am Ball?‘.

So viel Zeit verbringe ich mit dem Studium

Ich will das lieber gar nicht ausrechnen. Ich glaube die Antwort würde mich frustrieren. Denn ich wäre lieber öfter draußen. Aber sagen wir so: Zur Zeit habe ich zehn Veranstaltungen, die die typischen akademischen 1,5h dauern. Die muss ich natürlich (bzw. eigentlich) vor- und nachbereiten. Da die Prüfungen meist gegen Ende des Semesters sind, muss ich als Prokrastinationsopfer nochmal richtig aufholen.

So habe ich Leute kennengelernt

Ich muss sagen, durch Corona war das anfangs schon erschwert. Ich kannte zwei Leute aus dem Studium vorab. Als ich noch Kulturwissenschaften studiert habe, also noch vor Corona, habe ich in der Ersti-Woche bei der Kneipentour viele Leute kennengelernt. Bei Online-Seminaren habe ich später die Privatchatfunktion genutzt. Darüber ist ab und zu mehr entstanden. Das hat mich anfangs Überwindung gekostet. Ich kann aber sehr dazu ermutigen, das zu tun. Dazu kommt natürlich meine WG.

So lerne ich

Obwohl ich es mir jedes Semester vornehme, den Stoff der Veranstaltungen direkt nachzubereiten, lerne ich eigentlich doch oft erst am Ende des Semesters für Prüfungen. Aber generell: Ich suche mir Menschen, mit denen ich zusammen lerne, wobei ich mir vorab einen groben Überblick verschaffe und dann auf das gemeinsame Lernen setze. Und: Ich lerne richtig gerne in Cafés.

Das ist eine Herausforderung für mich

Selbstmotivation, wissenschaftliche Sprache (vor allem verschachtelte Sätze und Begrifflichkeiten; da ist schon einiges dabei, das ich nachschlagen muss), wissenschaftliches Schreiben (das ist ganz schön anspruchsvoll).

Damit habe ich nicht gerechnet

Eigentlich ein no-brainer: Aber dass Dozierende auch nur Menschen sind und persönliche, nicht immer einheitliche Prioritäten in ihrer Lehre setzen.

Das habe ich (über mich) gelernt

Ich habe über mich in den letzten Semestern lernen müssen, wie stark die Filter sind, die über meiner Wahrnehmung liegen. Als Beispiel: Gerade werden in Leipzig viele Tramhaltestellen umgebaut, um barrierefrei zu sein. Dass es für Menschen mit Beeinträchtigungen ein Problem ist, wenn da 15-20cm Bordstein sind und die Tram vielleicht auch noch mitten auf der Straße hält, habe ich einfach nicht reflektiert; oder dass für Menschen mit eingeschränkter Sehfähigkeit herabhängende Äste im Park echt gefährlich sein können, ist mir eigentlich erst jetzt bewusst. Ich beginne auch zu verstehen, dass jede ihre, jeder seine Wirklichkeit selbst konstruiert. Ich werde daher nie in der Lage sein, die Wirklichkeit einer anderen Person zu verstehen. Aber ich habe den Anspruch mich zumindest zu bemühen, es zu tun. Was ich auch gelernt habe, ist, wie groß der Spagat zwischen Ideal und Realität im Schulsystem ist. Es gibt viele idealistische Vorstellungen davon, wie Bildung aussehen soll, die sich aber kaum oder schwer umsetzen lassen. Inzwischen habe ich eine ganz gute Frustrationstoleranz entwickelt, stoße aber auch immer wieder an meine Grenzen.

So hat mich das Studium verändert

Am deutlichsten ist mir –  vermutlich auch weil mich das derzeit sehr beschäftigt –, dass ich sprachbewusster geworden bin, regelrecht sprachkritisch. Mir rutscht nur noch selten einfach so ein Wort, ein Begriff heraus. Ich reflektiere, was dahinter steckt oder auch wer diskriminiert und verletzt werden könnte. Ich würde außerdem sagen, dass ich durch die Sinnhaftigkeit meines Tuns und Arbeitens viel Kraft für mich gewonnen habe. Zudem bin ich einfühlsamer geworden. Was mir auch klar wurde, ist, dass ich neben dem Studium, d.h. außer meiner bubble Kontakte und Freund:innen haben möchte. Ich kenne Studierende, die niemanden kennen, der eine Ausbildung macht. Das finde ich nicht unproblematisch.

Das hätte ich gerne vorher gewusst

Der Umfang an Lesearbeit hat mich überrascht; auch dass Prüfungsleistungen zum Teil mit anderen Studierenden zusammen erbracht werden. Ich arbeite zwar gerne mit anderen, ich war aber gewohnt, mir selbst auszusuchen, mit wem. Allerdings ergibt das durchaus Sinn, weil ich später auch mit den Menschen arbeiten muss, die ich mir nicht selbst ausgewählt habe, die aber nun mal in meinem beruflichen Kontext sind. Natürlich ist das eine Herausforderung. Wenn es blöd läuft, arbeitest du für alle anderen mit. Was mir auch so nicht klar war, ist, dass Selbstmotivation eine gewaltige Herausforderung ist. Ich überlege daher derzeit einen Workshop im Academic Lab zu Lernstrategien, Studienorganisation und Resilienz zu besuchen.

Diese beruflichen Perspektiven habe ich

Lehrkräfte und insbesondere Sonderpädagog:innen werden aktuell und auch in der Zukunft dringend gesucht und gebraucht. Nach einem Lehramtsreferendariat wäre mir ein Arbeitsplatz an einer Schule sicher. Dabei stehen mir im Grunde alle Schulformen offen: von der Grundschule bis zum Gymnasium. Realistisch wird wohl in meinem Fall sein, dass ich an eine inklusive Schule oder an eine Förderschule gehe. Für Sonderpädagog:innen ist es außerdem möglich im vor-, außer- und nachschulischen Bereich zu arbeiten, d.h. in Fördereinrichtungen, der Kinder -und Jugendarbeit und in therapeutischen Zentren. Natürlich könnte ich auch in die Lehre und Forschung gehen.

Diese beruflichen Erfahrungen habe ich bislang

Ich arbeite als Bezugsbetreuerin bei Ferienfreizeiten für Pflegekinder, die AD(H)S und FAS haben.

Das habe ich vor

Wenn es für mich nicht an die Schule gehen sollte, versuche ich im In- oder sogar Ausland in anderen pädagogischen Kontexten zu arbeiten oder mich bildungspolitisch zu engagieren.

Das würde ich heute anders machen, um das für mich passende Studienfach zu finden

Ich würde versuchen mit Menschen zu sprechen, die den Studiengang studieren, um verschiedene Perspektiven zu bekommen. Ich würde mich auch stärker vorab informieren, was ich damit ‚später‘ machen kann. Wichtig wäre es auch gewesen, mir frühzeitig Gedanken darüber zu machen, woraus ich Energie ziehe, was mich motiviert und wo meine Grenzen liegen.

Das hilft mir mit Herausforderungen des Studiums umzugehen

Ich frage oft Studierende, die in einem höheren Semester sind, ob ich deren Materialien und Mitschriften haben kann. Das ist extrem hilfreich.

Meine Tipps für euch

Ich hatte anfangs den Eindruck, alle sind schneller, arbeiten mehr und verstehen besser. Aber das ist nicht so. Du bist nicht allein. Es lohnt sich Leidensgenoss:innen zu suchen. Denn die gibt es! Und: Nehmt das erste Semester nicht so ernst. Ich finde Priorität hat, sich ein soziales Umfeld und Kontakte aufzubauen! Außerdem: Leseempfehlungen von Dozierenden sind Empfehlungen, keine Pflichtlektüren. Das war mir anfangs nicht klar, so dass ich mich von der schieren Masse an empfohlener Literatur echt gestresst gefühlt habe.

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